Lyrik

Ein Alter 

Ein Gedicht

Nichts gehört

Nie im Kinderhaus gelebt 

Nicht mehr am Domplatz

Einer geht

 

 

Ein Alter

 

Ein Alter stand Pate

der schweigenden Menge

trotzte, nicht heftig,

dem zottigen Bären

 

Der tanzte und zeigte

gestutzte Krallen

dem Alten,

dem Wind,

der Sonne

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Ein Gedicht

 

Ein Gedicht lebt von

Wahrheit, nicht von Wolkendichte

oder Sonnenstrahlen

ein Gedicht ist der Fußabdruck

im Sand, ist mehr als

Atemzug und

Würde

Ein Gedicht hängt in

Hinterhöfen und Schloßkammern

und immer ist es

eine Wunde der Zeit

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 Nichts gehört

 

Nichts gehört vom

steigenden Drachen

Ich warte

Er bleibt einen Winter weg

den Sommer

Ich warte

und sende Boten

aus -

Tagediebe, die mich ausbluten -

Und höre dann von Kindern

er hat die Nacht berührt,

ging in die Legende

ein

vom nie zurückkehrenden

Traum

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Nie im Kinderhaus gelebt

 

Nie im Kinderhaus gelebt

von Schneckengeburten

zum Wintereinbruch gezogen,

trägst abgelegte Häute jener

die Lichtkegel suchten

 

Dort die Tanzbären

Zart schimmern ihre Tatzen und

Widerworte prallen gegen dickes Fell.

Mußt heiter werden, Geselle -

sie wirbeln dich schon für einen

schwachen Augenblick

zu Tode

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Nicht mehr am Domplatz

 

Nicht mehr am Domplatz

werden Tagebücher

ausgebreitet

 

Treppen, die hinunterführen

zum Fluß

sind versteinert davon

mit Unrat schlingern Restworte

zu Schleusen, wo

Wärter die Staken

gelangweilt, so gelangweilt,

ans sichere Land ziehn.

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Einer geht

 

Einer räkelt sich müde

Einer spricht auf sie ein

Und einer betrachtet sie

wie ein Fenster, das zum Hof führt

 

Einer beschwört sie

Einer bittet um Brot

Und ein anderer blickt schweigend

zur Seite als sie aufsteht

die Tür zu öffnen

 

Einer hat ein Gewehr

ein anderer ein Skalpell

und einer die Lohntüte

mitgebracht

 

Einer nimmt ihre Hand

Einer zerbricht ihre Worte

und ein anderer hastet mit

ihrer Haut davon

 

Einer legt sich zu ihr

Einer würfelt mit ihr

und einer geht ans Meer

mit ihr

 

Einer zielt mit einem Stein

Einer trifft ihr Auge

Einer weint

und ein anderer mauert

ihr Haus zu

 

aus: Texte. Lyrik und Kurzprosa, Dillmann Verlag 1989.

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